3. November 2017

Keikos wahre Geschichte

Keiko (Schwertwalbulle) * 1976/77 bei Island; † 12. Dezember 2003

Hauptdarsteller in:

Spielfilm Free Willy – Ruf der Freiheit (1993)
Spielfilm Free Willy 2 – Freiheit in Gefahr (1995)
Spielfilm Free Willy 3 – Die Rettung (1997)

Durch die drei Filme wurde Keiko als „Free Willy“ bekannt. Am Ende des ersten Teils sprang Keiko über eine Mauer ins offene Meer – dies sollte seine Freiheit bedeuten. Leider sah die Wahrheit anders aus. Doch dieser Spielfilm führte schlussendlich im Jahr 2002 doch zu Keikos Freiheit. In der Wildnis starb er aber nach eineinhalb Jahren an einer Lungenentzündung, vor der Küste Norwegens.

Keikos Lebensgeschichte:

Der Orca „Willy“ hieß mit richtigen Namen Keiko. Er war ein Orcabulle, der 1979 vor Island von einem Fischer gefangen wurde. Keiko wurde nach seiner Gefangenschaft an ein einheimisches Aquarium verkauft, da war er gerade erst zwei Jahre alt. 1982 wurde er weiterverkauft. Der Freizeitpark Marineland in Ontario erwirbt Keiko und fing an, ihm Kunststückchen beizubringen. Er lernt dort zu gehorchen und das Publikum ist amüsiert. Dort bekam Keiko auch schon seine erste Vireninfektion. Diese Wucherungen wurden immer größer und befielen bald auch die Brustflossen. Quadratmetergroße Wucherungen waren auf Keikos Haut zu sehen. 1985 ging Keikos Reise weiter nach Mexiko–Stadt. Der Vergnügungspark „El Reino Aventura“ kaufte Keiko für 350.000 Dollar, um seinen Bestand aufzustocken.  Hier bekam Keiko auch seinen Namen. Der Name kommt aus dem Japanischen und heißt übersetzt „der Gesegnete“.

In Mexiko-Stadt musste er 10 Jahre lang das Publikum bei Laune halten. Er musste sich seine Zunge streicheln lassen, Kunststücke vorführen und auch mit Schulkinder auf dem Rücken durchs Becken schwimmen. Die Becken dort waren aber eigentlich viel zu flach zum Schwimmen und durch den fehlenden Auftrieb fing Keikos Rückflosse an abzuknicken. Zu dieser Zeit waren auch die Hollywood-Studios Warner Brothers auf der Suche nach einem zahmen Orca, um einen Film zu drehen… – und fanden Keiko in Mexiko. Sie trainierten Keiko für den Film „Free Willy“.

Die Handlung des Films:

Ein zwölfjähriger Junge namens Jesse hinterlässt Schmierereien in einem Vergnügungspark und wird erwischt. Er muss den Schaden beseitigen und freundet sich hierbei mit Willy dem Orca – und einigen Mitarbeitern des Parks an. Der Orca, der bis dahin als nicht kooperativ bezeichnet wird, beginnt mit Jesse Kunststückchen auszuführen. Daraufhin darf Jesse mit ihm auftreten. Der Auftritt aber scheitert. Jesse läuft weg, um seine richtige Mutter zu suchen. Als er sich von Willy verabschieden will, bekommt er mit, dass Willy getötet werden soll, um die Versicherung für ihn zu kassieren. Der Besitzer des Vergnügungsparks ist skrupellos. Zwei Mitarbeiter des Parks helfen daraufhin Jesse, den Orca zu befreien. Er bringt den Wal in eine Meeresbucht und gerade noch rechtzeitig kann sich Willy mit einem Sprung über eine Mauer ins offene Meer retten.

Soviel zum Film von 1993 „Free Willy – Ruf der Freiheit“.

Der Film schlug in den Kinos wie eine Bombe ein. Millionen Menschen sind im Herzen berührt. Viele Menschen lieben von da an Orcas und die Warner-Bros-Studios – sowie die Produzentin Lauren Shuler Donner – freuten sich über die vielen Millionen von Dollar.

Dann, kurz nach dem Filmerfolg, im Sommer 1993, berichtete das damalige Magazin „Life“ über die wahre Geschichte von Keiko. Es kam an die Öffentlichkeit, dass Keiko genauso wie der Filmwal Willy, sein Leben in Elend verbringt. Eingesperrt und im schlechten Zustand fristet er sein Leben. Nur mit dem Unterschied, dass er eigentlich keine Chance mehr hat, je das unendliche Meer wiederzusehen. Der Vergnügungspark, der im Film zu sehen ist, ist Keikos wahres Zuhause. Der Park nennt sich „El Reino Aventura“ und heißt übersetzt „Das Königreich des Abenteuers“.

Die Warner Bros. Studios stehen auf einmal stark unter Beschuss. Sie werden von da an mit tausenden von Briefen und Anrufen überschwemmt. Jeder möchte Keiko helfen, und so wird seine Freilassung gefordert. Die „New York Times“ schrieb daraufhin, „Keiko selbst müsste gerettet werden“! Die Journalistin Gini Kopecky, schrieb, dass Keiko eingesperrt in einem viel zu kleinen Becken lebt. Das Wasser ist zu warm und mit künstlichem Salzwasser gefüllt. Er sei unterernährt, antriebslos und seine Haut zeigte überall Wucherungen.

Weitere vier Monate später schrieb das Magazin „Life“ noch einen Bericht, mit dem Titel: „Won´t somebody please save this whale“ – „Kann denn nicht bitte jemand diesen Wal retten“! Und sie schrieben noch einmal über den fürchterlichen Zustand von Keiko.

Daraufhin kam endlich Bewegung in das Elend von Keiko. Die Menschen ließen ihren Unmut freien Lauf. Sie überfluteten nochmals die Warner Bros. Studios mit Briefen und Anrufen. Keiko wurde abermals zum Star. Daraufhin reagierten die Warner Bros. Studios jetzt endlich, da sie nicht als Lumpenback dastehen wollten. Hinter den Kulissen ging es plötzlich heftig zu. Jeder wollte in der Öffentlichkeit als der Befreier und Helfer sein Image aufbessern. Wer es schaffen würde sich an die Front der Befreiung zu stellen, hätte Millionen von Kindern auf seiner Seite.

Free Willy-Foundation

Es schloss sich eine Gruppe zusammen. Die „Free Willy“-Produzenten Lauren und Richard Donner, die Warner Bros. Chefs, der Chef des Freizeitparks Reino Aventura, der Mobiltelefon-Gigant Craig McCaw und die Umweltgruppe „Earth Island Institute“ gründeten zusammen die „Free Willy-Foundation“ (FWKF). Sie beschlossen, zusammen mit dem Oregon Coast Aquarium in Newport, dass für Keiko ein neues Becken gebaut werden sollte, in dem er auf die Freiheit vorbereitet werden kann.

Es folgten weltweite Spendenaufrufe für diese Aktion.

Die „Free Willy“ Fans spendeten unglaublich viel Geld und Warner Bros. spendete selbst auch vier Millionen US-Dollar. Selbst Kinder knackten Ihre Sparschweine um zu helfen. Auch der Mobilfunk-Gigant Craig McCraw gab einen sechsstelligen Betrag dazu. Keiner machte sich tiefgreifende Gedanken, wie das ganze ablaufen soll. Die Befreiungsaktion löste so eine Euphorie aus, dass alle Bedenken ignoriert wurden.  Tierschützer warnten: Keiko – ein Wal, der so lange in Gefangenschaft gelebt hatte – würde nie wieder ein freier Schwertwal werden.  Die „Free Willy Befreier“ argumentierten aber damit, dass man die Öffentlichkeit besänftigten müsste. Uns so nahm alles weiter seinen Lauf.

Keiko war ein außerordentlich freundlicher Wal, den es Freude bereitete, sich in der Umgebung der Menschen aufzuhalten. Einer seiner Trainer, der ihn auch für den Film trainiert hatte, erzählte, das Keiko Fische apportierte anstatt sie zu fressen. Dass er die überwiegende Zeit an der Wasseroberfläche verbrachte und mit den Trainern und Zuschauern spielte, anstatt wie ein Wal durchs Wasser zu tauchen – er war sehr auf Menschen bezogen. Keiko hatte all die langen Jahre, die er mit Kunststückchen die Zuschauer begeisterte, alles verlernt, was einen Killerwal ausmachte.

Keiko wurde schon 1979 gefangen – da war er gerade einmal zwei Jahre alt. Er hatte keine Erfahrung und auch keine Erinnerung mehr an seine freie Wildbahn.

Kurz bevor Keiko in das neue Becken nach Oregon gebracht wurde, ging es ihm sehr schlecht. Seine Rückenflosse war nun endgültig abgeknickt, seine Wucherungen hatten ein sehr großes Ausmaß angenommen. Herpes zerfraß langsam seinen Körper. Der acht Meter lange Wal war auf 3500 kg abgemagert und kraftlos. Lange hätte Keiko wahrscheinlich so nicht mehr überlebt. Dass die Menschen um seine Freiheit kämpften, rettete Keiko das Leben.

1996 neues Becken für Keiko

Im Januar 1996 war es dann endlich soweit. Viele Menschen hatten sich in Mexiko versammelt und bildeten ein Spalier, sie jubelten und weinten vor Freude, als Keiko zum Flugzeug gebracht wurde. Die Firma UPS sponserte den Flug nach Oregon in einer Ihrer Frachtmaschinen. Keiko erwartete in Oregon ein acht Millionen Dollar teurer Becken, das extra für ihn gebaut wurde. Das Becken wurde mit kühlem – halbwegs keimfreien Meerwasser gefüllt.  Keiko erholte sich innerhalb eines halben Jahres. Sein Herpes verschwand und er nahm auf 4500 kg zu. Es ging ihn viel besser.

Zweieinhalb Jahre lang trainierten die Trainer der Stiftung mit Keiko. Sie versuchten ihm das Einmaleins eines Killerwals beizubringen. Zum Beispiel, dass er wieder länger unter – als über Wasser – bleiben sollte, oder einfach nur längere Zeit ohne Kunststücke durchs Wasser zu schwimmen. Er sollte auch lebendige Fische fangen und fressen. Doch genau das, wollte Keiko einfach nicht verstehen. Er schnappte sich zwar lebendige Fische, brachte sie dann aber zu den Trainern, anstatt sie zu fressen. Auch konnte Keiko nach zwei Jahren nicht länger als zwei Minuten tauchen, was natürlich viel, viel zu kurz für einen Schwertwal war.

1998 Keiko in Island

Trotz allem – im August 1998 –  erklärte das Wissenschaftlerteam und die Betreuer, dass Keiko bereit war, für seinen Transport in die Gewässer seiner Heimat. Die isländische Regierung hatte endlich, nach langem Kampf, zugestimmt, Keiko aufzunehmen. Unter anderem hatte auch Brigitte Bardot um sein Asyl gebeten. Die amerikanische Regierung hatte versprochen, den Transport über die US Air Force zu übernehmen. Der Umzug kostete drei Millionen Dollar. Mehr als 750 Journalisten und dutzende Fernsehsender berichteten über dieses Spektakel. Der Abschied von Newport – Oregon fand unter kreischenden Kindern und Erwachsenen, sowie trauernden Politikern statt, denn Keiko hatte rund 70 Millionen Dollar Mehreinnahmen (durch die Touristen) in die Kasse geschwemmt.

Im September 1998 landete Keiko dann in Island; genau dort, wo seine Odyssee begann. Die letzte Station war die Klettsbik-Bucht, die durch ein Netz abgetrennt wurde. Er hatte nun ein Areal von 70 Meter Länge, 30 Meter Breite und 10 Meter Tiefe zur Verfügung, wo er nun seine Runden drehen konnte. Die Klettsbik-Bucht, befindet sich bei der isländischen Insel Heimaey. Zum ersten Mal – nach 19 Jahren Gefangenschaft – kehrte Keiko in seine Heimat zurück. Für Keiko war es bestimmt ein gutes Gefühl. Allerdings waren die Einwohner, die sowieso schon wenig für Gefühlsduseleien übrighatten, nicht sehr begeistert.

Eine Aussage des Fischers, der Keiko damals gefangen hatte, war: „Man hätte Keiko in kleine Stücke schneiden und als Nothilfe in den Sudan schicken sollen. Aus dem Fleisch des Wals ließen sich 60.000 Frikadellen herstellen. Damit könnte man sehr, sehr viele Menschen eine Weile satt machen“. Er sprach aus, was die meisten dachten. Als dann auch noch Morddrohungen gegen Keiko eingingen, heuerte die Stiftung sechs Bodyguards an und auch die Trainer waren abwechselnd immer in seiner Nähe.

Natürliche Geräusche, Wellen und tiefes Wasser

Für Keiko war es jetzt schon das Beste was man ihm wünschen konnte. Er hatte tiefes Wasser unter sich, er konnte die Strömungen, die Gischt und die Wellen spüren und konnte endlich wieder einmal richtig kräftige Schwimmbewegungen durchführen.

Das Geräusch der Pumpen aus den Becken von damals, wichen den Geräuschen von Papageientauchern, den vorüberziehenden Fischtrawlern, den Geräuschen die die Steine machten, wenn sie über den Grund kullern und nicht zu vergessen, er konnte endlich den Wind und die Stürme wieder spüren.

Auch die Langeweile hatte sich erledigt. Hin und wieder schaut eine Robbe durch das Netz, mal kommt ein Schwarm Rotbarsche vorbei und auch ein größerer Fisch schwimmt ab und zu, nahe am Netz vorbei. Doch Keiko… er hatte Angst. Ein Killerwal, der sich überwiegend in einer stillen Ecke aufhält, weil er all diese Geräusche und Gefühle nicht einordnen kann.

Die Trainer kümmerten sich nun weiterhin intensiv um Keiko. Sie versuchten ihn an seine neue Umgebung zu gewöhnen. Es wurden extra angefertigte Unterwasserkameras und Mikrofone installiert, um jede Bewegung aufzuzeichnen. Weiterhin jagte Keiko nicht selbstständig. Eigentlich hätten sie ihn jetzt mehr und mehr sich selbst überlassen müssen. Da er dann aber zu wenig gefressen hätte, absolvierten sie weiterhin eine Art – wie sie es nannten – „Aerobic“ Training.

Viermal am Tag (fast so wie zu seiner Show-Zeit) sprang er, um sich seine Ration Heringe abzuholen. Aber ca. ein Drittel seiner Tagesration bekam Keiko für natürliches Verhalten. Dafür musste er sich selbstständig etwas einfallen lassen. Zum Beispiel, für das Beäugen eines Vogels, oder das Verfolgen eines Fisches. Er bekam aber nichts, wenn er bettelte. Die Bewegung war für ihn sehr wichtig. Denn immer noch konnte er nur ca. 10 Minuten lang an einem Stück schwimmen, dann musste er sich ausruhen.

Keiko ausserhalb des Zauns

Die Trainer fuhren auch mehrmals am Tag mit dem Boot raus – er folgte dann wie ein Hund seinem Herrchen. Immer wieder fuhren sie mit dem Boot nahe an eine Schwertwalgruppe, in der Hoffnung, Keiko würde sich ihr anschließen. Doch er verstand weder die Sprache, noch konnte er sich auf Schwertwal-Manier verständigen. Und selbst, wenn es klappen würde, der Ausgang war ungewiss und ein Risiko, denn keiner konnte sagen, ob die Gruppe ihn aufnehmen, oder töten würde. Der Aufwand kostete der Stiftung ca. 3 Millionen Dollar pro Jahr.

Der Verhaltensforscher und Meeressäugerspeziallist, Jeff Forster, der sich schon in Oregon um Keiko kümmerte, sagte offen seine Meinung. Er wusste seit langem, dass Keiko nie wieder ein freilebender, Killerwal werden würde. Keiko hatte keinerlei Erinnerung an seine Familie und an ein Killerwalverhalten. Er konnte weder lange genug tauchen, noch Fische fangen, hatte viel zu wenig Gewicht und konnte nicht lange Schwimmen. Er hatte viel zu wenig gelernt für eine Freilassung.

Juni 2002 Keiko verabschiedete sich

Und trotzdem wurde die Bucht dauerhaft geöffnet und Keiko konnte hinaus in die Freiheit. Doch lange Zeit tat sich nichts. Bis zum Jahr 2002. Es schien so, als sei das Experiment endlich gelungen. Keiko folgte im Juni 2002 einer Walgruppe und blieb auf hoher See. Seine Spur verlor sich am 11. Juli komplett und keiner wusste wo er war.

September 2002 und kommt zurück

Doch im September 2002 tauchte er plötzlich wieder auf. Er war einem Fischerboot gefolgt und schwamm mit an die Küste Norwegens (die als Walfängernation bekannt ist), in die Nähe von Halsa. Scheinbar hatte er keine Lust mehr auf andere Orcas und suchte wieder die Nähe zu den Menschen. Keiko war aber in guter Verfassung und schien sich selbst zu ernähren. Er blieb bei den Menschen in Taknesfjord. Dort wurde er wieder zur Touristenattraktion.

Er spielte wieder mit den Menschen, ließ sich die Zunge streicheln, Kinder auf seinem Rücken reiten und war nun wieder ein richtiger Show-Wal geworden. Weil er nichts anderes kannte, hatte er sich sein Schicksal diesmal sogar selbst ausgesucht. So verbrachte er wieder unter strenger menschlicher Aufsicht seine letzte Zeit. Keiko bekam eine Lungenentzündung und verweigerte die Nahrung.

Keiko ging für immer

Am 12. Dezember 2003 starb Keiko. Er wurde 27 Jahre alt. Ich konnte die Meldung nicht glauben, aber er starb in Freiheit.

(Es ist nicht ungewöhnlich, dass ältere Schwertwal-Männchen eine Lungenentzündung bekommen. Orcas in freier Wildbahn haben eine Lebenserwartung von ca. 50 Jahren. Es kommt auch vor, dass sie ein Alter von 60 – 90 Jahren erreichen, dies ist dann aber selten der Fall).

Keiko wurde in der Nähe der Küste der Taknesbucht begraben. In Halsa hat man eine Gedenkstätte eingerichtet und das Oregon-Coast-Aquarium hielt am 20. Februar 2004 einen Gedenkgottesdienst für Keiko ab.

Die Free Willy Keiko Foundation hatte die Hoffnung auf einen Auswilderungsversuch. Das Projekt hat ca. 20 Millionen Dollar verschlungen, doch leider ist die Aktion gescheitert.
Und doch, man hat etwas getan!

Am Ende blieb ein kleiner Trost. Keiko ist bei guter Verfassung und mit Würde im offenen Meer gestorben. Er hatte noch gute Jahre und konnte noch einmal das Meer und die Freiheit genießen. Nicht viele Wale haben so viel Glück. Dutzende werden gefangen, missbraucht und sterben einsam in einem mit viel zu viel Chlor versetztem Becken an Unterernährung und Hautkrankheiten, oder an einem gebrochenen Herzen.

Hintergründe, Meinung und Fazit:

Trotz der vielen Möglichkeiten zur Erforschung der Wale, weiß man über Orcas noch nicht allzu viel. Orcas verbringen über 90 Prozent ihres Lebens unter Wasser. Außerdem sind Schwertwale auch sehr mobil und ständig auf Achse.

Was man aber weiß, Killerwale bleiben ein Leben lang bei ihrer Mutter und ihrer Gruppe. Alles was sie wissen, lernen sie hier. Jede Gruppe hat ihre eigene Sprache und Verhalten. Sie besitzen sehr scharfe Sinne und haben unglaublich viele Lautäußerungen. Killerwale sehen über und unter Wasser gleich gut, sie haben ein außerordentlich gutes Hörvermögen und ein sehr gutes Sonarsystem entwickelt. Damit haben sie immer ein genaues Bild davon, was um sie herum geschieht. Sie können auch bei großen Tiefen und in völliger Dunkelheit Objekte und Beute erkennen, die Größe bestimmen und die Geschwindigkeit berechnen.

Und Keiko? Keiko war körperlich soweit gesund; seine Sinne hätten genauso funktionieren müssen, doch Keikos Sinne waren verkümmert, denn er musste sie nicht benutzten. Keiko war eigentlich ein hochbegabter und intelligenter Killerwal, der aber durch seine frühe und lange Gefangenschaft fast alle Sinne verloren hatte, oder erst gar nicht erlernt hatte. So ist Keiko, sowohl seelisch als auch sinnlich gesehen, „verkrüppelt“. Er hatte nie eine Chance, ein Killerwal zu werden. Seine wichtigen Jahre hat er in einem Zirkus, in Isolation und ohne Anreiz seine Sinne zu nutzen, verbracht. Keiko hat sich nicht mehr viel bewegt und wenn er doch einmal mit seinen Brustflossen gewedelt hat, sind seine Trainer schon glücklich gewesen. Aber, vergleicht man dies mit einem wilden Orca, so ist das geradezu lächerlich.

Ein freier Orca hat viele ausgefeilte und durchdachte Jagdtechniken entwickelt. Zwei Techniken hier kurz erklärt.

1.
In Norwegen, wenn der Heringszug einsetzt, gibt es ein wahres Unterwasserballett, das die Orcas aufführen. Sie treiben den Schwarm Heringe zusammen, schwimmen neben und unter den Heringen her, bis weitere Orcas einen Teil des Schwarmes trennen. Sie umkreisen die Heringe immer enger und treiben sie im Schwarm zur Wasseroberfläche. Ein Wal schlägt mit seiner Schwanzflosse heftig auf die Heringe ein und betäubt sie dadurch, er frisst sich satt und dann ist der nächste Orca an der Reihe.

2.
Eine sehr eindrucksvolle Jagd haben die Orcas vor der argentinischen Küste zu bieten. Zu der Zeit, wenn die Seelöwen gerade ihre Jungen auf die Welt gebracht haben, tauchen auch die Schwertwale auf.  Ein Orca, der Erfahrung hat, schwimmt an den Seelöwen vorbei und zeigt seine Rückenflosse. Die Seelöwen konzentrieren sich darauf. Er schwimmt wieder weg, aber er lässt dabei seine Rückenflosse weiterhin sichtbar – als Ablenkmanöver. Ein anderer Orca taucht in Richtung Strand, wartet die Brandung ab und nimmt großen Anlauf –  wobei er sich in einer großen Welle verbirgt und donnert mit großer Wucht an den Strand und schnappt sich ein Jungtier, das er sich vorher ausgesucht hat. Manchmal machen das auch zwei Orcas gleichzeitig – sie rutschen dann an Land aufeinander zu, um der Beute den Weg abzuschneiden.

Diese Jagdtechniken sind äußerst kompliziert und schwer zu lernen und auch sehr gefährlich, da die Wale stranden könnten. Ein erfahrener Orca nimmt oft monatelang einen jugendlichen Wal in die Lehre und zeigt ihm worauf es ankommt. Oft dauert es sehr lange, bis er sich traut, sich an Land zu werfen. Bei den ersten paar Aktionen eines Jungwales begleitet ihn sein Lehrmeister mit an Land, sodass er ihn notfalls wieder zurück ins Meer bugsieren kann. Dies wird auch sehr, sehr lange geübt. Zuerst sind das nie ernstzunehmende Jagden, sondern werden nur als Probeangriffe geübt, bis ein Jungwal dann zum ersten Mal wirklich an der Jagd teilnehmen darf. Dann hat er schon sehr lange zugesehen und geprobt.

Orcas haben sehr viel zu lernen. Zuerst ist es die Mutter, die ihrem Kalb viel beibringt, dann später helfen alle aus der Familie mit. Ein Kalb lernt zuerst, in welchem Rhythmus man atmet und dass man zusammen auftaucht um Luft zu holen. Sie lernen wie man kräfteschonend schwimmt und die Wellen nutzt, wann man andere Orcabullen am besten in Ruhe lässt, damit es keinen Ärger gibt.

Weiter lernen sie, wie sich Beute im Schwarm verhält, welche Tiere gefressen werden können und welche Quallen gefährlich sind. Die ersten Jahre entfernt sich ein Walkalb nur wenige Meter von seiner Mutter und bleibt auch später immer in Sichtkontakt zu seiner Gruppe.

Orcas haben eine sehr ausgeprägte Sprache untereinander. Sehr viele Laute mit denen sie ihre Stimmung ausdrücken, Kommandos geben und Aufmerksamkeit hervorrufen. Schwertwale sprechen Dialekte – die Wale in Argentinien hören sich anders an, als die Wale in Island. Selbst in ein – und demselben Gebiet, haben sie unterschiedliche Sprachen ausgebildet.

All das auf Keiko bezogen…. er kannte Menschen und spielte mit ihnen, Lachse apportierte er, Robben fand er interessant und schaute sie nur an. Er musste keine Kräfte schonen, da er nie welche angewandt hatte. Jagdtechniken hat er nie gebraucht – seine Fische wurden ihm ins Maul geworfen. Sein Sonar war verkümmert, andere Tiere kannte er nicht und was am allerschlimmsten war, seine Muttersprache hat er nie gelernt – auch nicht die – anderer Orcas. Hier und da hatte er von seinen Leidensgenossen eine verstümmelte Sprache aufgenommen, die aber auf keinen Fall einem anderen Orca etwas gesagt hätte. Seine Familie hat er nie wiedergesehen. Durch die fehlende Kommunikation wurde er auch nie richtig von einer anderen Gruppe aufgenommen. Und allein schafft es selbst ein Killerwal – der alles gelernt hat – nicht.

Keiko wurde mit seiner Gefangenschaft ein Leben in Freiheit für immer genommen. Sie wussten es, aber keiner wollte es zugeben. Er war ungeeignet für eine Auswilderung. Die Menschen haben ihn zu einem Krüppel gemacht. Selbst Umweltschützer und Tierorganisationen warnten davor, Keiko komplett auszuwildern.

Die „Rettet Keiko Welle“ löste aus, dass keiner richtig darüber nachgedacht hatte, wie es für Keiko ausgehen würde. Auf der einen Seite war es schön und auch gut das Millionen Menschen sich für Keiko eingesetzt haben. Sie haben ihn dadurch noch schöne Jahre beschert und er konnte noch viel erleben und durchaus hat es sein Leben verlängert, denn er war kurz vor der Aktion dem Tod sehr nahe.

Und Warner und viele andere Beteiligten haben es sich sehr viel Geld kosten lassen, dass unmögliche möglich zu machen. Aber natürlich auch unter dem Gesichtspunkt ihr Image aufzupolieren. Zuerst standen sie als Tierquäler-Unternehmen da und das hätte sich sehr lange gehalten. Bei der Auswilderungsaktion bekam das Unternehmen Aufmerksamkeit und einen sehr großen Bekanntheitsgrad. Und nicht nur Warner Bros., auch andere profitierten durch diese Aktion. Durch Spendenaufrufe, Berichte in den Medien und vieles mehr, bleibt man im Gedächtnis. Man hatte sogar fast vergessen, dass es die Menschen in Keikos unmittelbaren Umgebung waren, die ihm all das angetan hatten.

Auch während der Rettung brachte Keiko dem ein oder anderen viele Dollar in die Kasse. Um nur einiges zu nennen: T-Shirts wurden gedruckt mit der Aufschrift „Keiko home at last“, Fish and Chips Gerichte namens Keiko wurden erfunden, Schmuck mit Keikos Bild und so vieles, vieles mehr. Der eine musste viel Geld ausgeben, der andere nahm viel ein. Die einen Menschen liebten ihn, die anderen hassten ihn, doch Keiko selbst konnte für all das gar nichts.

Millionen von Menschen wollten Keiko in Freiheit sehen. Aber man hätte ihnen ausführlich erklären müssen, dass es unmöglich ist, Keiko komplett auszuwildern. Stattdessen hätte man ihm einfach ein schöneres Leben ermöglichen sollen.

Auch ich habe Keiko in all den Jahren begleitet und mein Herz schlug schneller, als ich hörte, dass er bald frei sein sollte. Aber ich las auch viel von Experten, dass es nicht gut sei und nicht gelingen würde. Und auch ich, der Wale immer lieber in Freiheit sehen würde, als in einem Gefängnis aus Beton, muss einsehen, dass Keiko für eine Freilassung ungeeignet war. Aber ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass so viele Menschen hinter ihm standen und sich durchgesetzt haben und ich danke auch der „Free Willy Foundation“ und all den anderen Beteiligten. Auch wenn ich weiß, dass es nicht ohne Hintergrund war, Keiko zu helfen, so haben sie doch viel getan und erreicht.

Es nahm zwar mit Keiko letztendlich kein gutes Ende (man hatte sich mehr erhofft), aber die Menschen waren es ihm mehr als schuldig, wenigstens den Versuch zu unternehmen, ihn nach so vielen Jahren ein klein bisschen zurück zu geben.

Ich hatte gehofft, dass Keikos Geschichte endgültig dazu führen würde, dass viele über das Nachdenken, was sie den Tieren in Gefangenschaft antun und etwas dagegen unternehmen, dass alle Wale, die jetzt noch in Gefangenschaft sind, ein besseres Leben bekommen können. Aber das war natürlich wieder einmal ein Wunschdenken und etwas Naiv gedacht. Denn die Gier der Menschen nach Profit und Aufmerksamkeit wird immer über dem Wohl der Tiere stehen.

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